Stuhlrohrfabrikant Fritz Heyn

Stuhlflechtrohr - Material für Korset-, Peitschen- und Korbfabriken

War man um die Jahrhundertwende (1900) gut situiert, wohnte man in der Belétage, dem sogenannte „schönen Geschoss” eine Mietskaserne. Nur dieser Klientel war es vergönnt ihren gehobenen Lebenstil in repräsentativen Zimmern zu frönen. Heute wie damals bestimmte eine gute Adresse das Ansehen in der Gesellschaft gut bürgerlichen Wohnens. Aus der Grunderzeit sind allerdings Mietshäuser bekannt, die in sogenannten Arbeitervierteln gebaut wurden, dessen Vorderhäusern Besserverdienende vorbehalten waren. Bedienstete lebten im Seitenflügel oder in der Mädchenkammer. Obwohl man unter gleicher Adreese lebte, gab es unter dem selben Dach ein erhebliches Prestigegefälle. Von außen zeigten Stuckfassaden wie gut situiert der Erbauer war, die Belétage stattete man mit opulente Fensterrahmungen und reichhaltige Stuckverzierungen an den Decken aus. Selbst die Öfen unterschieden sich innerhalb eines Hauses. Ofenkünstler dieser Zeit waren genauso experimentierfreudig wie Stuckateure, und ahmten auch Möbelstücke nach. Führend in Berlin war die Berliner Tonwarenfabrik Höhler & Feilner, die unter anderem eng mit Karl Friedrich Schinkel z.usammenarbeitete. Mit edlen Tapeten und unterschied man sich räumlich nicht nur innerhalb einer Wohnung, sondern auch gegenüber den Quergebäuden bzw. Seitenflügeln. Großen Wert legte man auf eine edle Auswahl in den Vorderzimmern bzw. dem „Berliner Zimmer” (Preis pro Rolle 2 Mark), dem Herrenzimmer (Preis pro Rolle 1,25 Mark) und im Quergebäude/Seitenflügel lag der Wert wesentlich niedriger (40 Pfennige je Rolle).

Ein anschauliches Beispiel dieser damaligen Wohnart bietet die Museums-Wohnung des Stuhlrohrfabrikanten Fritz Heyn in der Pankower Heynstr. Fritz Heyn, Fabrikant in Pankow hatte dreizehn Kinder, wovon noch zwei seiner Töchter bis zu ihrem Ableben in der elterlichen Wohnung lebten. Ein glücklicher Zufall für die Nachwelt war, dass beide Kinder des Fabrikanten nichts an der Wohnung veränderten. Selbst Vorhänge und Tapeten sind im Stil der damaligen Zeit erhalten. Alle Möbel waren mit Laken zugedeckt und nur bei Besuchen von Freunden und Familie entfernt. Bis zum Ableben der beiden Schwestern war das Mietshaus im Besitz der Fabrikantenerben, der beiden Schwestern. Da beide keine Kinder hatten und der Staat das Haus nun erbte, konnte diese gut erhaltene Wohnung gerettet werden.

Von der Fassade abgesehen, ist das Mietshaus zum Teil dem Bestand der Wohnung zuzurechnen. Mit Betreten des Hauseingangs eröffnet das Entré zum Treppenhaus einen ersten Einblick in das Leben der Jahrhundertwende (1900), üppiger Stuck verziert mit Malereien, originalgetreu erhalten mit einem morbiden Charme. Ebenfalls erhalten ist der idyllische Hinterhof des Hauses mit kleiner Gartenlaube und knorrigen Kirchbaum und einem Brunnen.

Wohnhaus in Heynstraße No 8 In der Gründerzeitwohnung kann man das gehobene Leben aus der damaligen Zeit nacherleben. Auffällig die reich verzierten Türen, die den Blick in die reich ausgestatten Zimmer zunächst verbergen. Im Herrenzimmer eingetreten eröffnet sich dem Betrachter eine ganz andere Welt. Die Vorhänge leicht geöffnet, im gedimmten Licht gehaucht eröffnet es dem Besucher eine Zeitreise in die Vergangenheit. Das Zimmer ist dem original erhaltenen Interieur ausgestattet, ein reich verzierter Kachelofen und der Kronleuchter wirken imposant auf das Auge des Besuchers. An der Decke wurden aufwendige Stuckarbeiten ausgeführt und in der Wand- und Deckenmalerei wurden die Kinder von Fritz Heyn verewigt. Die beiden früh verstorbenen Kinder der Eheleute in der Darstellung als kleine Engel.

Weiter erwähnenswert aus dem Ensemble ist das „Berliner Zimmer” auf dem Weg in den etwas seitlichen Flügel des Hauses. Hervorzuheben sind in diesem Zimmer der aufwendig verzierte Linoleumfussboden und das Bild von der Orangerie Buch an der Wand. Gleich dahinterliegend die große Küche mit allen Utensilien die es zur damaligen Zeit gab. Damals auch in jeder Berliner Küche vorhanden, die Kochmaschine. Am letzten Ende der Wohnung gleich hinter der Küche, die Mädchenkammer. Wenig Komfort, nur ein Bett mit Nachttisch passte hinein, ein kleines Fenster zum Hof. Früh musste sie aufstehen, das Frühstück für die Familie bereiten und abends war sie sicherlich die Letzte die zu Bett ging, wenn alles vom Tage wieder aufgeräumt war. Bei dreizehn Kindern war Einiges für das Kindermädchen zu tun.

Fritz Heyn (eigtl. Johann Friedrich), Besitzer der Fritz Heyn & Co. fertigte Stuhlflechtrohr (Peddigrohr), ein Patent über eine Versteifungsplatte aus Malaccarohr wurde am 31. Oktober 1896 unter der Patent-No. 66115 eingetragen. Aus armen Verhältnissen stammend begann seine Erfolgsgeschichte im Prenzlauer Berg. Zuvor als Blaudrucker tätig, gründete er eine Fabrik zur Aufbereitung von Rattan. Seine verarbeiteten Rohstoffe lieferte Fritz Heyn an Hersteller von Möbeln, Korset-, Peitschen- und Korbfabriken. Seine Fertigung im Prenzlaeuer Berg befand sich unweit des Güterbahnhofs der Nordbahn an der Eberswalder Straße. Damals sehr beliebt war Rattan, gefertigt aus Ranken einer Kletterpalme, ein weltweit beliebtes Flechtmaterial. Am ersten Standort arbeitete Fritz Heyn gemeinsam mit seinen Freunden Adolf Hollmann und Julius Meyer am Erfolg.

Auszug aus dem Adressregister Berlins Um das Unternehmen auszubauen entschied sich Heyn 1887 zum Kauf einer ehemaligen Obstplantage, die das Areal zwischen Floraprommenade, Görsch-, Brehme- (An der Nordbahn) und Florastr. umfasste. die auf der Mitte erschlossene Straße bildet die heutige Heynstraße. In dieser Straße Nummer 10-15 enstand seine Fabrik „Stuhlrohrfabrik Fritz Heyn & Co.”, die mit dreißig Arbeitsplätzen ausgestattet wurde. Als Schöffe und Stellvertreter des Gemeindevorstehers brachte Fritz Heyn nicht nur ehrenamtliches Engagement für Pankow ein, er war natürlich auch Nutznießer. Die erworbene Obstplantage wurde problemlos Bauland und die Zufahrtsstraße durfte, auf eigens beim Gemeinderat vorgeschlagen, seinen Namen tragen. Dies geschah schon zu seinen Lebzeiten und zeigt, dass die Verdienste von Fritz Heyn zur Entwicklung von Pankow müssen von der Gemeinde hoch bewertet worden sind. Für seine Verdienste erhielt Fritz Heyn 1907 den Preußischen Königlichen Kronenorden Vierter Klasse.

Erst 1893 wird die „Stuhlrohrfabrik Heyn & Co.” im Berliner Adressbuch als Gewerbehof in der Heynstraße 10-15 erwähnt. Die parzellierten übrigen Flächen waren als Bauland erwähnte. Auf dem kleinen Gewerbehof entstand eine Rohrwäscherei sowie die Rohrstuhlfabrik. Schräg gegenüber auf den Grundstücken 21-24 entstanden unter seiner Federführung im Jugendstil Mietshäuser für seine Arbeiterfamilien, sie waren 1911 mit vierzig Wohneinheiten bezugsfertig. Das Ensemble zeugt von einem bemerkenswerten Qualitätssinn des Erbauers und besteht heute unter den Namen „Brunnenresidenz”, wegen der Brunnen auf dem Innenhof.

Übrige parzellierte Grundstücke wurden verpachtet oder peu à peu an Investoren gewinnbringend weiterverkauft. Für sich und seine Familie war das Grundstück No. 8 vorgesehen, wo Fabrikant Fritz Heyn ließ 1893 nach Plänen des Architekten Ernst Fröhlich auf diesem Grundstück ein repräsentatives Wohnhaus errichten und zog nach Fertigstellung mit seiner Frau Emilie in die Belétage des Hauses ein. Seine älteste Tochter bekam mit ihrem Ehemann und den Kindern ebenfalls eine Wohnung im gleichen Haus. Der Kutscher wohnte in einem kleinen Seitenflügel, die vier Dienstmädchen lebten unterm Dach.

Seiffenladen von Schwiegertochter Bertha Heyn in der Heynstr. 28 Zum Repräsentationsbedürfnis einer damals gutbürgerlichen Fabrikbesitzerfamilie jener Zeit gehörte auch ein schöner Gartenhof. Das Grundstück des Wohnhauses No. 8 ist in drei Bereiche aufgeteilt, den Vorgarten auf der Vorderseite, den Wirtschaftshof und den privaten Gartenhof. Die noch vorhandene Gartenlaube bildet den Mittelpunkt der Hofanlage, den privaten Gartenhof. Bei dieser Laube wurde ebenfalls Wert auf die Handwerkskunst der damaligen Zeit gelegt, sie wurde aufwendig von Zimmermeister Groth, dem Schwiegersohn Fritz Heyns, gestaltet. Der private Gartenhof, als „Wohnzimmer im Grünen” wurde in der warmen Jahreszeit für familiäre Anlässe genutzt. Viele Familienfotos sind mit der holzverzierten Laube verbunden. Ein Brunnen in der Mitte rundet den privaten Gartenhof ab.

Der Niedergang der Stuhlrohrfabrik ging mit dem ersten Weltkrieg einher, die Beschaffung von Rohstoffen wurde zunehmend schwierig und mit der Inflation kam das endgültige aus für die „Stuhlrohrfabrik Fritz Heyn & Co”. Der Gründer starb 1928 im Alter von 79 Jahren. Schwiegertochter Bertha betrieb an der Heynstr. 28 ein Seiffengeschäft. Der Gewerbehof mit den alten Backsteinbauten in klassischer Industriearchitektur überdauerte in seiner Form noch lange auch die Nachkriegszeit, in einem Teil wurden während der DDR-Zeit Stahltore für die NVA gefertigt. Die schon 1915 angesiedelte Färberei Riep führte ihren Betrieb trotz Niedergangs der Stuhlrohrfabrik weiter, sie ging 1967 in den Zentraler Theaterdienst über und ist somit der älteste Betrieb auf dem Gewerbehof Heynstraße. Als Färbe- und Wäscherei für deutsche bzw. internationale Theater- und Opernbühnen in Wien, Paris oder San Fransisco finden sich in der Kundenliste namhafte Häuser und Künstler.

Gewerbegebiet Heynhöfe im Florakietz in der Heynstraße

Mit der politischen Wende rief das alte Fabrikgelände Grundstücksspekulanten auf den Plan, die die alten Fabrikbauten zu Gunsten moderner Wohnbauten abreißen wollten. Beherzte Pankower Bürger konnten dies mit Hilfe des damaligen Bürgermeisters Matthias Köhne verhindern und den Standort samt Bauten nachhaltig sichern. Im Anschluss entstand aus den Heynhöfen eine Mischung aus Handwerk, Livestyle und Medienwirtschaft. Zu dem alteingesessenen Theaterdienst gesellte sich die Motorradwerkstatt „Eisenschwein”, die Medienlandschaft wurde mit einer Film- und Fotoproduktion „Heystudios” bereichert. Das hippe Lokal „Fritz Hein” rundet den Charme des alten Gewerbehofes der Stuhlrohrfarbikation ab. Der neue Berliner Zeitgeist hat sich hier mit der industriellen Geschichte der Jahrhundertwende (1900) vermengt. die Berliner Morgenpost schreibt in ihrer Ausgabe vom 16. März 2019:

»Es ist ein Ort, der das Gestern und das Heute überkreuz setzt und mit diversen Nutzungsarten spielt. Der riesige alte Schornstein der Backsteinbaracke dient heute nur noch als Ständer für die Weihnachtsgirlanden. Fabrikgründer Fritz Heyn, der Ende des 19. Jahrhunderts den industriellen Aufbruch Pankows sozialverträglich zu gestalten versuchte, ist der Namenspate für ein vom Dachbalken bis in die Ziegel im Retro-Industriedesign verhafteten Lokal. Selbst die Katzen, die man hier streicheln soll, gehören zum Konzept.

In der alten Produktionsstättte der Stuhlrohrfarbikation erwartet dem Gast aus dem Florakietz eine Mixtur aus Café, Bar und Nostalgie der Industrialisierung, mit Bildern des Kietzpatrons Fritz Heyn und seiner Familie, der als Namenspate für das in Retro-Industriedesign behaftete Lokal steht.

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Entlang der Panke - Von der Quelle im Naturpark Barnim durch den Norden Berlin's

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