Wanderung durch das Flussgebiet

Panke - bis zu ihrer Quelle

Wanderung durch das Flussgebiet der Panke bis zu ihrer Quelle

Wenn mir an dem heutigen Abend die besondere Ehre zu Theil wird, vor Ihnen, hochverehrte Anwesende, eine durch Mittheilung einiger von Wissenschaft errungenen Resultate auszufüllen, so gibt mir Angesichts so vieler gelehrten Männer und edlen Frauen nur die Betrachtung den nöthigen Muth, daß der große Gegenstand meinen schwachen Fähigkeiten seine gewichtige Unterstützung leiht.

Nicht zu den Alpenpässen, wie mein Freund Professor Witte zu Halle, nicht zu den Hallen der Alhambra, wie der poetische Dr. Gosche, nicht zu den Natronklöstern, wie Dr. Brugsch, genannt der liebenswürdige Gelehrte, erlaube ich mir, Sie heute im Geiste zu führen; Ich ersuche Sie nur, mich innerhalb der Grenzen des engeren Vaterlandes und der Klassensteuer in eine Region zu begleiten, die, so nahe sie uns liegt, doch bisher nicht von der Fackel der Wissenschaft beleuchtet worden ist.

Der Wanderer, den zur Rechten der Oranienburger Chaussee bei Liesen ein leckeres Hühnerfricassèe und eine gute Weiße erquickt, dehnt vielleicht beim Schimmer des aufsteigenden Mondes im Dufte blühender Linden seinen Spaziergang bis zur nächsten Brücke aus. Hier, wo rechts auf einer sanften Abdachung des alten Moorbodens, träumerisch verloren im abendlichen Nebel, ein morscher Zaun die Gebeine muthwillig erschlagener Katzen, und die Reste irdener Geschirre vor dem Hauche der Nordstürme schützt, gewahrt er links im tiefen Schatten der Erlengebüsche einen kleinen Fluss, der sich wider die Gewohnheit seiner glücklichen Gebrüder in den Gebirgen, ohne Gemurmel, links in die Büsche schlägt, und von einer Stelle entfernt, an der selbst der Nervenstärkste Flußgott nicht ohne Belästigung seiner Nase verweilen möchte. Dieser kleine Fluß, hochverehrte Anwesende, ist die Panke, ein Nebenfluß der Spree, jenes Stromes, dem Berlin, wie Aegypten dem Nil, seine Wohlfahrt verdankt.

Es war im Sommer des Jahres 1854, als ich von einem ähnlichen abendlichen Spaziergange zurückgekehrt, Restor der Naturwissenschaften, unserem hochverehrten Alexander begegnete, der eben seinem Landsitz in Tegel zueilte, wo er in schöner Muße des Greisen Alters, noch immer der Natur in seinem Kosmos einen Hand- und Rasirspiegel vorhält. Wie es seine hultvolle Weise gegen jüngere Gelehrte mit sich bringt, die ihm, wie einer Königin im Bienenreiche, den süßen Honig der Forschung zuzutragen pflegen, lud er mich ein, auf dem Bedientensitze Platz zu nehmen, und Wanderung durch das Flussgebiet der Panke bis zu ihrer Quelle ihm bis Tegel zu begleiten, von wo aus der Heimweg zu Fuß, obwohl lang, doch in kühler Nachtluft dem rüstigerem Lebensalter nicht ohne Reize zu sein pflegt. Auf dieser mir ewig unvergeßlichen Fahrt war es, wo der große Mann in die Seele des über seinen Sitz andächtig gebeugten ergebenen Zuhörers den Keim des Gedankens legte, der in meinem späteren großen Werke "Pankographie" Blätter und Blüthen getrieben hat, welche, wie ich hoffe, nicht ganz ohne Nutzen für die Kunde der Terrainverhältnisse von Berlin sein werden. Der berühmte Alexander machte mich zuerst darauf aufmerksam, daß zwar das Innere von Afrika längst von muthigen und aufopferungsfähigen Reisenden erforscht werde, denen man die wichtigsten Aufschlüsse über den Lauf des Niger verdanke, daß aber noch Niemand sich entschlossen habe, dem Laufe der Panke bis zu ihrer Quelle nachzuforschen, da doch gerade dieselbe ganz besondere Fingerzeige für die merkwürdige Beschaffenheit diesen kleinen, aber an seiner Mündung mehr als scheußlichen Flusses verspreche.

Der edle Mann erklärte sich zugleich bereit, falls ich mich zu dieser Expedition entschließen wolle, mir durch Empfehlungsschreiben an die Beherrscher jener fernen Gebiete behülflich zu sein, ja er versprach mir seine Verwendung bei jener herrlichen englischen Gesellschaft, der wir deutschen Gelehrten so viele baare Unterstützungen verdanken.

Wenn Sie mir, hochverehrte Anwesende, bis hieher nachsichtig gestattet haben, so weit es die Vorgeschichte meiner wissenschaftlichen Wanderung erforderlich macht, von mir selber zu reden, so erlaube ich mir jetzt, Sie unmittelbar an dem Vorabend ihres Anfanges zu führen, der Sie sofort mit den manniggfachen Schwierigkeiten bekannt machen wird, an denen dergleichen gelehrte Reisen stets so reich zu sein pflegen.

Nachdem ich die nöthigen Studien beendet hatte, war meine dringendste Sorge gewesen, einen rüstigen und entschlossenen Reisebegleiter zu gewinnen, der, wenn auch nicht eigentlich mit den Wissenschaften vertraut, doch so viel Achtung für ihre Vertreter in der Seele nährt, um ihnen seine größere praktische Erfahrung und seine Fertigkeit im Gebrauch der Waffen angedeihen zu lassen. In der Perón eines jungen Tommis, Herrn Honywater, der so eben wegen kleiner Differenzen aus dem Geschäften seines Prinzipales, eines engherzigen, nur der strengsten Kassenführung lebenden Mannes, geschieden war, glaubte ich einen so wichtigen Mann gefunden zu haben, und meine Erwartungen sind keinen Augenblick lang getäuscht worden, was ich um so lieber hiermit öffentlich ausspreche, da sein gegenwärtiger, leider nicht ganz freiwilliger Aufenthalt mir keine Gelegenheit zu Danksagungen im Wege eines vertraulichen Briefwechsel gestattet.

Wir hatten zum Beginn unserer Expedition die Erntezeit gewählt, einmal, weil wir alsdann die Felder schon ziemlich frei von Getreide, zweitens aber auch die Eingeborenen des Landes, von denen wir nützliche Mittheilungen erwarten konnten, mit größerer Sicherheit anzutreffen hoffen durften. Nachdem der Tag zur Abreise bestimmt worden war, begaben wir uns am Tage vorher um fünf Uhr Abends nach dem Schiffbauerdam, um zunächst das wichtigste Factum, den Ort der Pankemündung festzustellen. Denn ich darf wohl nicht vergebens daran erinnern, hochverehrte Anwesende, daß allerdings die Menschheit ihre leibliche Nahrung den Körper durch das Gehege der Zähne zuführt und dieselbe getrost ihrer ferneren Laufbahn überläßt, die Wissenschaft hingegen und namentlich die Geographie, meistens den entgegengesetzten Weg von der Mündung aus einschlagen muß. Mit Hülfe eines wohlunterichteten Droschkenkutschers fanden wir leicht die Mündung der Panke unter jener Brücke. Wanderung durch das Flussgebiet der Panke bis zu ihrer Quelle Sie war kenntlich an einer Menge von Stoffen, die der unbesonnene Mensch sofern der ferneren Befürderung durch Gelegenheitennzu Wasser übergiebt, statt damit die Fruchtbarkeit des nährenden Gefildes zu erhöhen. Bis ziemlich weit in das Strombett der Spree hinein drängte sich diese compakte Masse und bildete eine Art Lido, dem nichts fehlte, als das dazu nötige Venedig. Sehr charakteristisch fand ich die starke Entwickelung von Schwefelwasserstoffgas, welches dem Wasser der Panke nicht eigenthümlich, sondern nur eine Folge der hineingeworfenen fremdartigen Stoffe und der zwischen ihnen entstehenden chemischen Vorgänge zu sein schienen. Herr Hanywater fand sogar, daß seine goldene Uhrkette anlaufe und klagte über starke Uebelkeit, von der ich jedoch vollkommen frei blieb. Auch drang sich mir die Ueberzeugung auf, daß die Panke, wenigstens im gewöhnlichen Sinne des Wortes, nicht zu den schiffbaren Flüssen der Stromgebiete der norddeutschen Ebene gehöre und ich glaube diesen Punkt als wissenschaftlich feststehend annehmen zu dürfen, da mehrere kundige Anwohner der Mündung uns nur mit Hohnlachen antworteten, als wir sie aufforderten, uns für guten Lohn auf einem Kahne in die Mündung der Panke zu fahren, ja uns mit ebenso naturwissenschaftlichen als groben Ausdrücken belegten, die aus einer plumpen Zusammensetzung des niedrigen Wortes "Kerle", mit einem dem Charakter der Mündung entlehnten und davor gesetzten Gattungsbegriffe des rückbildenden Naturprozesses bestanden.

Zwar niedergeschlagen, aber nicht entmuthigt, entfernten wir uns und versuchten, um dem durch mancherlei Baulichkeiten in der Nähe der Mündung stark verdeckten Strombette näher zu kommen, von dem Holzplatze in der Karlstraße aus, uns der Panke zu nähern. Ich kann nicht umhin, hier der zuvorkommenden Liebenswürdigkeit des Herrn Holzanweisers zu gedenken, der, obwohl von uns grade in einem unaufschiebbaren Geschäfte am Ufer gestört uns dennoch ohne Unwillen die lehrreichsten Nachrichten über die Panke und ihr Verhalten in den verschiedenen Jahrezeiten gewährte. Auch er zweifelte an ihrer Schiffbarkeit und sprach unverholen die Meinung aus, daß sie sogar erst weit unterhalb ihrer Mündung waschbar würde. Von hier wollten wir uns nach einem in der Nähe liegenden bekannten Bierlocale begeben, um von dort aus einen Punkt zu gewinnen, der mir gestattete, jene malerischen Landschaften aufzunehmen, welche die Panke bei ihrem Laufe durch den Garten der Thierarzneischule begrüßt, als der dienstthuende Kellner Herrn Honywater mit verkniffenem Lächeln auf einen Flecken in seinen blendend weißen englisch-ledernen Beinkleidern aufmerksam machte, der allerdings durch eine Bespritzung mit dem Wasser der Panke entstanden, bei der Kürze der Schöße des Reitfracks, den Herr Honywater trug, aber ebenso gut das Resultat eigener Unvorsichtigkeit sein konnte. Wir blieben als bis zum Einbruch der vollständigen Dunkelheit sitzen und besprachen bei den lieblichen Orchesterklängen, die aus dem benachbarten Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater herüberdrangen, in ernster Stimmung den Reiseplan des folgenden Tages, worauf wir uns im Schatten der Nacht in unsere Wohnungen zurückzogen.

Kaum graute der Tag, als wir uns in die Reisekleider warfen und beladen mit wissenschaftlichen Instrumenten und Mundvorrath, mit Hülfe einer uns durch Munificenz des Vereinsbüreaus unentgeltlich bewilligten Frühdroschke, die Stelle erreichten, wo die Panke unter der Oranienburger Chaussee durchfließt. Hier nahmen wir von unserem Kutscher gerührt Abschied und wanderten hart am Ufer entlang, um sobald als möglich die Stelle zu erreichen, wo ein westlicher Arm der Panke dem Spandower Kanal zuströmt und mit dem Hauptstrom ein Delta bildet.

Wanderung durch das Flussgebiet der Panke bis zu ihrer Quelle Nie werden wir den malerischen Anblick vergessen, den von hier aus gesehen, der Wedding im Strahle der Morgensonne bildete, ein großartiges Bild romantischer Unfruchtbarkeit mit einer Staffage von bellenden Kötern, Holzpantoffeln und Kindern mit heraushängenden Miethszetteln.

Es war Morgens acht Uhr, als wir uns den Gesundbrunnen näherten, jener berühmten Heilquelle, deren chemische Zusammensetzung noch immer nicht mit wünschenswerther Genauigkeit untersucht worden ist. Wir verließen das Ufer der Panke, die hier einigen nach Abkühlung ihres heißen Jugendblutes lechzenden Ferkeln ein erfrischendes Bad gewährte und stiegen den Abhang des Thales hinan, als mein Gefährte Herr Honywater, sehnsüchtig nach dem Genusse mehrerer Seidel bairischen Bieres verlangte. Während er diese nothwendige Stärkung, der er, um unseren Proviant zu schonen, einen Reigen von Knoblauchswürsten hinzufügte, in einer benachbarten Brauerei einnahm, ging ich langsam voran und gedachte in verzeihlicher Sehnsucht der fernen Lieben in Berlin, die sich jetzt wohl schon ihrer Reisenden erinnern mochten. Unfern der Mündung des Eschergrabens in die Panke holte mich Herr Honywater wieder ein und wir wanderten jetzt, ohne uns in Pankow aufzuhalten, durch den Park von Schönhausen, den die Panke in vielfachen Armen durchströmt, wieder in das freie Feld hinaus. Absichtlich verschweige ich hier ein Abenteuer, das leicht gefährliche Folgen hätte haben können; da Herr Honywater, angeregt durch die Taumelkraft des Hopfensaftes von mir nur mit Mühe abgehalten werden konnte, in die Pankower Badeanstalt zu bringen, wo eine jugendliche Fraktion des weiblichen Geschlechtes eben in Begriff stand, ihren täglichen Abwaschungen zu vollbringen. Nachdem ich den jungen und unternehmenden Mann darauf aufmerksam gemacht hatte, daß die Frauen dieses Landes es vielleicht für unschicklich halten könnten, wir uns möglicher Weise Mißhandlungen von Seiten der Pankowenser aussetzen könnten, ließ er sich von mir am Tornisterriemen weiterziehen.

Die Landschaft nahm von jetzt an einen unglaublich einförmigen, aber erhabenen Charakter an, den nur selten einzelne Maulwurfshaufen unterbrachen. In duftige Nebel gehüllt sahen wir französisch Buchholz zu unserer Linken liegen und Herr Honywater, von einer lyrischen Stimmung übermannt und begierig dort einzukehren und für heute das Nachtquartier aufzuschlagen, mußte fast gewaltsam daran erinnert werden, daß der Zweck unserer Reise uns für heute noch weiter treibe. Die Fortsetzung der Wanderung war denkwürdig durch den Fang eines ungewöhnlich großen Mistkäfers, des sogenannten ballenwälzenden Scarabäus, weil er mit seinen Vorderfüßen aus Mist Kugeln zu formen und darein seine Eier zu legen pflegt. Auch erblickten wir in einiger Entfernung im Grase viele Grashüpfer, von den Berliner Knaben "Sprengsel" genannt, die bei unserer Annäherung flohen, dann aber, uns wie zum Hohn, in ihr gewohntes Geschrill ausbrachen. So gelangten wir Nachmittags um fünf Uhr an die Stelle, wo der in nord-nordwestlicher Richtung herabströmende Lietzengraben in die Panke strömt. Es war für uns ein erhebendes Gefühl, uns sagen zu können, daß wir die ersten Berliner seien, deren Fuß sich in die ungastliche Einöde verirrt hätte und mit vieler Genugthuung über die bisherigen Strapazen entledigten wir uns des Gepäcks und begannen unser Nachtlager aufzuschlagen. Da erschollen plötzlich aus einem kleinen benachbarten Weidengebüsche die von einer kräftigen Baßstimme ausgesprochenen Worte "Nanu?" Herr Honywater wollte darin nichts als eine im unteren Berliner Dialekt ausgestoßene unwillige Frage wahrnehmen, allein ich belehrte ihn, daß diese Silben in der Sprache der Insel Tahiti, soviel als "Wer da?" bedeuteten und uns die Anwesenheit eines anderen gelehrten Reisenden verkündeten. Wir drangen daher in das Gebüsch und erblickten einen bärtigen Mann, der nur in ein Paar rother Schwimmhosen gehüllt, mit einer frisch vom Baume gerissenen Weidenkeule bewaffnet, in einer Pfütze lag und sein Haupt auf einen kleinen Haufen Chausseesteine gebettet hatte. Ich erkannte sofort, daß dieser Mann allen Zeichen nach nur der berühmte Gerstäcker sein konnte, und er war es wirklich. Freundlich lud er uns ein, an seiner Seite Platz zu nehmen, allein wir, noch nicht bis zu diesem Grade der Abhärtung vorgedrungen, begnügten uns, in einiger Entfernung unser Zelt aufzuschlagen und ein kleines Feuer anzuzünden, um unseren Thee zu bereiten. "Wundern Sie sich nicht, mich hier zu finden", hub der große Weltenbummler an, ich bin der Civilisation satt und habe mich wieder auf Reisen begeben. Aber wohin sollte ich? Für mich giebt es keinen Welttheil mehr, keine Schwierigkeiten, keine Beschwerden, keine Entfernungen! Ich muß mir schon künstlich Welttheile, Schwierigkeiten, Beschwerden und Entfernungen schaffen! Ihr jungen Leute seid glücklich, Euch steht die Welt noch offen; mir bietet sie nichts mehr - nichts - ich habe sie bis auf die letzte Station abgelaufen - was bleibt? Sehen Sie dieses Lager? Seit vierzehn Tagen habe ich kein anderes: ich bin so unempfindlich gegen das Wasser, wie das Nilpferd und kein Blutegel beißt durch meine Haut. Indem ich jetzt die Rumflasche aus den Händen des ganz erstaunten Herrn Honywater nahm und sie dem Weltfahrer anbot, fragte ich nach dem Zweck seiner jetzigen Reise. Gerstäcker wies stolz die Flasche zurück, schöpfte mit hohler Hand einen Trunk aus der Pfütze, worin er ruhte, und sagte, nachdem er mit der Weidenkeule seine Lippen abgetrocknet hatte: Ich entdecke Norddeutschland, schlafe bei Tage in Tümpeln, Froschteichen und Torfmooren, und wandere des Nachts, indem ich zuweilen die Flüsse meilenweit stromaufwärts schwimme. Herr Honywater erlaubte sich jetzt die Frage, ob wir vielleicht die Freude haben würden, unsere fernere Reise zu der Quelle der Panke in Begleitung eines so kundigen Reisenden zu machen, allein Gerstäcker schüttelte sein Haupt so heftig , daß einige Chausseesteine zerstäubten und sagte: Mit Einbruch der Nacht muß ich weiter, ich gehe den Lietzengraben herauf durch die Buch‘sche Heide nach dem See von Gorin. Man hat mir gesagt, daß dort guter Sumpf in der Nähe sei; ich will mich dort drei Tage lang aufhalten! Dagegen ließ sich nichts einwenden, wir genossen unser Abendbrot, boten aber umsonst dem Abgehärtesten der Sterblichen von unseren Speisen und Cigarren an, selbst unser Feuer verschmähte er lächelnd. Seine Nahrung bestand nur in einigen Fröschen, die er mit vieler Geschicklichkeit fing, wenn sie sich, ihn für ihresgleichen haltend, zu weit in seine Nähe wagten, dann machte er ein Loch in die Erde, füllte es mit einigen trockenen Grasstengeln, steckte von der Seite ein frisches Rohr hinein, rieb zwei Holzstäbchen an einander, bis sie brannten, zündete seine Naturpfeife an und rauchte nach Herzenslust, wobei er ausrief: "Wie wenig bedarf der wahre Naturmensch, um seine Bedürfnisse, ja selbst einen erlaubten Sinnengenuß zu befriedigen!"

Her Honywater wurde durch diese Naturphilosophie so hingerissen, daß er meinen Warnungen kein geneigtes Ohr lieh, sondern darauf bestand, einige Züge aus der Naturpfeife des berühmten Gerstäcker zu thun. Dieser Versuch sollte ihn indessen nicht gut bekommen. Beim Scheine unseres Feuers sah ich, wie er erblaßte und den Rohrstengel aus seinen zitternden Händen fallen ließ. "Junger Mann," sprach Gerstäcker, „Sie sind noch nicht reif für die höhere Methode des Reisens. Ich will nicht läugnen, daß die Cigarren, die Sie in Berlin rauchen, eine leidliche Vorbereitung für die Naturpfeife sein mögen, allein Sie sind davon noch so weit entfernt, wie dieser wohlschmeckende Tabak, den nur die Natur Ihres Landes beut und der Sie jetzt erblassen macht, von der , die ich mit meinem Freunde, dem Häuptling Schwinggaxung, d. h. Der schwarze Esel, rauchte; denn diese mußten wir, in Ermangelung alles anderen Tabaks, mit dem stopfen, was unsere Rosse uns eben lieferten." Nach diesen Worten erhob sich der Welttourist, steckte seine nassen Füße ein wenig an unser Feuer, ergriff dann seine Keule und trat seine Reise nach dem entfernten Westend des Sees von Gorin an. In erfurchtsvollem Schweigen blieben wir zurück, bedauernd, daß das Geschick uns nicht vergönnte, die fernere Reise nach den Quellen der Panke in Begleitung eines so edlen und abgehärteten Mannes zu machen. Diese wehmütige Stimmung wurde noch durch den Zustand des Herrn Honywater erhöht, obwohl seine gesunde Constitution Quelle und Mündung des Nahrungsweges brauchte, um ihn Erleichterung zu verschaffen. Gegen Mitternacht schlief er endlich ein, und ich benutzte die eingetretene Ruhe, in dem ich die Begebenheiten des merkwürdigen Tages aufzeichnete.

Kaum graute der Morgen, als Herr Honywater mit frischen Kräften aufsprang und wir unsere Reise fortsetzten. Die Panke nähert sich gleich nach ihrer Aufnahme des Lietzengrabens der Stettiner Eisenbahn, und der reichen Wasserspeisung durch jenen mächtigen Kanal entbehrend, verändert sich ihr Charakter wesentlich. Mehr ein Bach, denn ein Fluß zu nennen, durchströmt sie den Flecken Buch, der dem berühmten Oreognosten Leopold von Buch den Namen verliehen haben mag, und durchrieselt demnächst ein angenehmes Buschgelände. Es war noch zu frühe, als daß wir Beobachtungen über die Sitten der Bewohner von Buch anzustellen vermochten, und ein Knabe, der eine Heerde von Gänsen, jener Thiere, welche die heutigen Juden in Erinnerung an ihren Aufenthalt in Aegypten, wo sie, d. h. die Gänse, die Lieblingsspeise der Pharaonen und ihrer Priester bildeten, vorzugsweise gern gebraten essen, auf die Stoppeln trieb, war der einzige Buchenser, den wir zu Gesichte bekamen, doch glaubten wir aus den rauchenden Schornsteinen schließen zu dürfen, daß die Einwohner sich milder Sitten erfreuten und ihre Speisen in gekochtem Zustande verzehrten. Die Fortsetzung unserer Wanderung zwischen der Panke und dem Busch bot wenig Abwechslung da, wenn wir die Erscheinung eines Hasen und seines Sohnes ausnehmen, welche einen kühlenden Trunk aus dem Strombett genossen und sich kaum durch Herrn Honywater stören ließen, der ihnen mit einen aufbewahrten Chausseesteine aus Herrn Gerstäckers Kopfkissen ein Willkommen zuschleuderte. Wir näherten uns jetzt wieder der Eisenbahn und ließen Zepernik zur Rechten, einen Ort, dessen Geschichte noch eine große Zukunft hat, wenn er erst zu einer Eisenbahnstation erhoben werden sollte. Der Panke folgend überschritten wir den düsteren Gipfel des Lauseberges im Auge behaltend, zweimal die Panke und jagten ein Volk Rebhühner auf, das uns nicht für friedliche Forscher, sondern mich für den Jäger und Herrn Honywater für den Vorstehhund zu halten schien. Hier war es, in der Nähe einer Schlucht, die durch den Aufwurf des Bahnkörpers entstanden sein mochte, wo ich einen Fund that, welcher als die reichste Ausbeute unserer Expedition vielleicht dereinst unsere Kunde von dem Leben der Ureinwohner unseres Vaterlandes außerordentlich bereichern wird. Dieser Fund bestand in einem kleinen, halb aus Bernstein, halb aus Meerschaum zusammengesetzten Instrument, dessen untere Hälfte stark vom Rauche gebräunt erschien. An der Seite des Bernsteins war es sanft abgerundet und seiner Länge nach regelmäßig durchbohrt, was mich verhinderte, es für ein Werk der Natur zu halten. Meiner Ansicht nach mochte es ein Theil eines Halsschmuckes sein, den die heidnischen Priester bei feierlichen Opfern anlegten. Herr Honywater wollte dagegen in der naiven Unkunde eines Laien, dessen Blick für die Höhe und Tiefe der Wissenschaft nicht scharf genug, nirgends über das Nächste hinausreicht, nur eine Cigarrenspitze darin finden, welche der beim Bau der Bahn beschäftigte Inspector verloren habe. Ich bemerke nur, daß der seltene Fund gegenwärtig im hiesigen ethnographischen Kabinet aufbewahrt wird.

In ungemeiner Aufregung über diese glückliche Thatsache, ihre Folgen für die Wissenschaft besprechend, bemerkten wir kaum, daß wir uns der altersgrauen Stadt Bernau genähert und abermals die Eisenbahn überschritten hatten. Mußten wir uns hier nicht schon ganz in der Nähe der Pankequellen befinden? Standen wir nicht endlich am Rande eines heiß erstrebten Resultates? Unsere Stimmung nahm jetzt begreiflicher Weise einen feierlichen Charakter an. Diese dünne Wasserfaden, der hier durch Wiesengründe schlich, war ja derselbe Strom, an dessen Ufern viele, viele Meilen weit unterhalb, ein berühmter Kunsttempel des Apollo stand! Waren wir nicht nach unsäglichen Anstrengungen von dorther bis zur Wiege der Najade der Panke emporstiegen? So wanderten wir denn, in brennender Nachmittagshitze, jedoch ohne Mittag gespeist zu haben, in Schweigen versunken, durch ein Kartoffelfeld und standen plötzlich an dem Bicinalwege, der von Bernau nach Börnicke führt, vor einem sickernden Fleck, aus die Panke entspringt. Unwillkürlich sanken wir einander in die Arme, dann schöpfte ich mit hohler Hand einen stärkenen Trunk aus dem Nasslischen Quell, wogegen sich Herr Honywater, ein launiges Kind des losen anmuthigen Berlin, es sich nicht nehmen ließ, die Gewässer der Pamke zum Gedenken an den feierlichen Moment um einen ersten Nebenfluss zu bereichern, der wohl stark, aber nicht anhaltend genug war, um eine oberschlächtige Mühle zu treiben. Während er so eine Laune freien Spielraum gönnte und ich die Temperatur der Quelle untersuchte, hörten wir plötzlich ein wildes Kriegsgeschrei und sahen mehrere Eingeborene mit leidenschaftlichen Gebehrden auf uns losstürzen. Einer sprang voran und schwang über dem Kopfe seinen einer Kartoffelhacke nicht unähnlichen Tomahawk. &qout;Was sucht Ihr hier in unserem Kartoffelfelde?&qout; schrie der unwissenschaftliche Unmensch, - &qout;ihr tretet uns ja Alles zu Schanden!&qout; Herr Honywater flüsterte mir zu, daß wir uns wirklich auf einen solchen befänden, was ich noch nicht in meiner Forscherfreude bemerkt hatte. Es war zur Flucht zu spät und ich rief: was wollt ihr von uns? zu welchem Indianerstammewas gehört ihr?&qout; &qout;Ach Unsinn&qout;, - schrie der Nachbar, - &qout;ihr seid gepfändet!&qout; Da ich die Bedeutung dieses unwissenschaftlichen Ausdruckes nicht verstand, versuchte ich den Eindringlich begreiflich zu machen, daß wir allerding gekommen seien, um Pfänder der Freundschaft mit den im Quellgebiet der Panke jagenden oder Ackerbau treibenden Stämmen auszutauschen, daß seine Gewalt der Erde aber stark genug sei, mir abzutroßen, was ich nicht freiwillig geben wolle, und daß selbst der langsame Tod am Marterphal meinen entschlossenen Sinn nicht beugen werde. &qout;Bezahlen Sie, Doctor!&qout; sagte Herr Honywater, &qout;es hilft Ihnen nichts! die Leute sind im Recht!&qout; &qout;Auch Sie, Honywater?&qout; rief ich sittlich, &qout;wer hätte das von Ihnen gedacht - aber nein - Doctor Wasservogel stirbt, aber er ergiebt sich nicht der Willkür des Bauerpackes!&qout; - &qout;Nun denn, so hole Sie der Teufel, ich mache, daß ich nach Neustadt-Eberswalde komme, ich habe ihre Verrücktheiten satt, mich gerstäckert nicht mehr, ich will ein Beafsteak essen!&qout; Er hatte diese Blasphemien noch nicht geendet, als er den Wilden einige Geldstücke reichte, seine Effekten zusammenraffte, höhnisch den Rockschoß verschob und mit einer Gebehrde, die bei seinem Volke der Welt Achtung beweist, den Weg nach Berlin einschlug. Mich ergriffen die Unholde und schleppten mich, der sich in das Unvermeidliche fügte, gleichfalls nach Bernau, wo man mich, bis zur Ankunft einer polizeilichen Person, in einen Kerker legte. Doch ließ man mir meine wissenschaftlichen Instrumente und beraubte mich nur zur Verhinderung etwaiger Fluchtversuche meiner Stiefeln und Hosenträger. So befand ich mich denn aller Wahrscheinlichkeit nach in demselben Kerker, den die unglückliche Agnes Bernauerin, doppelt unglücklich, seit auch Melchior Meir sie für die Bühne bearbeitet, mit ihren Zähren beneßt hatte.

Aus Kladderadatsch Berlin 1856

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Entlang der Panke - Von der Quelle im Naturpark Barnim durch den Norden Berlin's

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