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Meyer's Hof

Die Geschichte des Berliner Mietshauses

Meyer`s Hof - Komprimierte und spekulative Bebauung der GründerzeitDer Mietskasernenbau "Meyer`s Hof" sollte in die Geschichte der Berliner Mietskasernen eingehen. Dieser Gebäudekomplex an der Ackerstraße 132/133 spiegelt am Besten die komprimierte und spekulative Bebauung der Gründerzeit wieder und ist einzigartig in der Stadt Berlin. Velvetfabrikant Jaques Meyer ließ 1874 dreihundert Wohnungen in fünf hintereinander liegenden Blöcken bauen. Auf einer Parzelle wurde ein Vorderhaus mit fünf Hinterhäusern errichtet. Er besteht aus einem doppelten Vorderhaus sowie sechs hintereinander liegenden ebenfalls doppelten Quergebäuden und fünf Hinterhöfen. In der Mitte der Häuser befand sich eine Bogendurchfahrt, die den Tunnelblick bis auf das hinten stehende sechste Quergebäude eröffnete. Die Hinter dem Vorderhaus liegenden Quergebäude waren an den Seiten mit jeweils einer Treppe zugänglich. Hier lebten um die zweitausend Menschen auf engsten Raum auf lichtarmen Hinterhöfen, die gerade mal eine Tiefe von zehn Metern hatten. Die Blöcke selbst waren mit zwölf Metern Tiefe ebenfalls sehr schmal und zeigen, wie eng die Menschen darin zusammengepfercht lebten. Auf den Höfen tobte das Leben wie in einer eigenen Stadt. Die Höfe waren nicht nur Marktfläche, sondern auch der Tummelplatz vieler Kinder. Die Höfe glichen dem Leben nach einer Straße. Jeder zweite Hof, der nicht mit den schon bekannten Toilettenhäusern ausgestattet war wurde von Frauen für Warenverkäufe genutzt. Die Toilettenhäuser auf dem Hof wurden von einem zentralen Wasserspeicher, der sich auf dem sechsten Gebäude befand gespeist und nur zwei mal täglich gespült. Später wurden Toiletten auch in den Etagen eingebaut, die aber vom gesamten Stockwerk geteilt werden musste. Genauso lief es mit der Wasserversorgung. Das Vorderhaus war da schon etwas privilegierter. Hier wohnten sozusagen die Industriellen von Meyer`s Hof, die sich also von der Masse der dortigen Bewohner hocharbeiteten und es sich leisten konnten im Vorderhaus zu leben. Hier waren die Wohnungen nicht nur größer, sondern hatten eine eigene Wasserversorgung und besaßen eine eigene Toilette.

Meyer, der in der Köpenicker Straße eine Textilfabrik besaß  ließ am 1. Januar 1871 auf das Grundstück seiner Fabrik nebst Villa eine Hypothek eintragen, weil er vermutlich für den Bau dieser Mietskaserne die notwendigen Mittel benötigte. Als Wohn- und Gewerbeimmobilie geplant wurde das Objekt nach einem Gründerkrach mehr für Wohnzwecke ausgerichtet, denn die Vermietung von Gewerbeflächen lag am Boden. Wie schlimm es dort schon in der Bauphase zugingt beschreibt eine damalige Zeitung;

„Noch vor Bauvollendung wurde das Gebäude von wohnungssuchenden Mietern gestürmt und in Besitz genommen. Eine schlechte Mieterschaft nistete sich ein, und als der jetzige Besitzer im Jahre 1878 das Grundstück übernahm, war es in der kurzen Zeit völlig verwahrlost. Von der Mieterschaft, die der Besitzer Herr Otto Meyer jetzt antraf, gab er mir einige drastische Schilderungen. Miete zahlten überhaupt nur die wenigsten, und die sich nur auf das Nichtzahlen beschränkten, waren eigentlich noch die besseren Elemente. Einzelne gingen noch viel weiter. Einer der Mieter, von Beruf Töpfer, hatte die Kachelöfen seiner Wohnung abgerissen und verkauft. Ein anderer handelte mit Weihnachtsbäumen, er hatte den Fußboden seines Zimmers aufgebrochen und die Bretter zu Baumstützen und Unterlagen zersägt …“

Meyers Hof, Ackerstraße 132Wie schon bei den "Wülcknitzschen Familienhäusern" lagen alle Wohnungen an einen Gemeinschaftsflur, von dessen diese links und rechts abgingen. Der überwiegende Teil waren Ein- bis Zweizimmerwohnungen mit Küche und Kammer sowie wenige größere Wohnungen, die sich aber im befanden. Von der Stube zur Küche führte ein dunkler fensterloser Durchgang und auch hier musste für eine Arbeitsstätte Platz im Wohnraum geschaffen werden. Obwohl für ein Gewerbe eine polizeiliche Erlaubnis vonnöten war, konnte niemand genau sagen, wie viele in Meyer`s Hof ein Gewerbe betrieben. Es war eine Stadt für sich. Dies zeigte auch die industrielle Ansiedlung. Mit Beginn der Jahrhundertwende wurde im sechsten Quergebäude eine Dampfmaschine eingebaut und somit die Voraussetzung geschaffen, in diesem Gebäude industrielles Gewerbe einziehen zu lassen. So kamen sie dann auch, vom Schneidermeister, über Klempner, Tischler und Schuster, Druckereibetriebe und andere Dienstleister ließen sich in Meyer`s Hof nieder. Zu dem offiziellen Gewerbe kamen viele andere dazu, die ebenfalls etwas herstellten oder eine Dienstleistung anboten. Meist als Einmannbetrieb in der eigenen Wohnung. Bis 1910 war das noch zuvor bewohnte Quergebäude komplett als Gewerbefläche genutzt und auch in den vorderen Quergebäuden richteten sich kleine Geschäfte ein. So ist zu lesen, dass es eine Bildhauerwerkstatt gab, mehrere Mostrichfabriken, Cigarrenmacher und Grünkramhandlung gab es auch. Man könnte die Liste noch endlos weiterführen, es gibt nichts, was es dort nicht gab, eine Badeanstalt, ein Depot der Straßenreinigung und selbst ein Bestattungsunternehmen war in Meyer`s Hof zu Werke. 1877 bezog dann die Polizei mit der 59. Wache das Gebäude, die sowieso schon Dauergast in Meyer`s Hof waren. Der Gebäudekomplex war nicht nur sozialer Brennpunkt, sondern auch immer ein Fall für die Baupolizei. Gab es zum Anfang noch Kellerwohnungen, mussten diese von der Baupolizei wegen ständiger Wassereinbrüchen bei Regenfällen gesperrt werden. Dann wurden auch ständig Umbauarbeiten durchgeführt, die meist ohne baupolizeiliche Genehmigung von Statten gingen. Diese Genehmigungen wurden erst im Nachhinein eingeholt, wenn die Baupolizei den Zustand entdeckte oder jemand den Umbau verpfiff. In einer Anzeige bei der Polizei hieß es am 2. September 1894;

"Am 31. August hat der Eigentümer Meyer auf seinem Grundstück, 2. Hof paterre, zwei Fachwerkwände gänzlich entfernen und in zwei massive Scheidewände Türlöcher einreißen lassen. Zweck der ohne baupolizeiliche Genehmigung ausgeführten Arbeiten ist die Herstellung zusammen hängender Räumlichkeiten zur Unterbringung einer Kochschule für Mädchen der arbeitenden Classen."

Als schließlich Toiletten in den den Quergebäuden eingebaut wurden, verschwanden die Toilettenanlagen auf den Höfen. Es entstanden in den vorderen Höfen nun Verkaufsstände und Ställe für Pferde in den hinteren Höfen. Des Nachts übernahm ab dem 28. Oktober 1904 ein Nachtwächter seine Arbeit im Objekt auf. Auch sonst gab es keine nennenswerten Ereignisse, die das Leben in Meyer`s Hof beeinträchtigten. Meyer war trotz seiner stadtbekannten Mietskaserne stets bemüht auf die Bedürfnisse seiner Mieter einzugehen und wie schon beschrieben ließ er sein Objekt nach dessen Wünschen umbauen. Und das Leben auf dem Hof schrieb nicht dramatischere Geschichten als in den anderen Mietskasernen der Stadt. Dies sollte viel später folgen, zur Zeit der Weltwirtschaftskrise.

Mit dem Tod des Erbauers 1920 endete die noch halbwegs erträgliche Zeit in Meyer`s Hof. Die Erbengemeinschaft Meyers verkaufte schließlich ein Jahr später den Hof an die Firma Thomas & Keyling. Sie befand sich in unmittelbarer Nachbarschaft und benötigte für ihre expandierende Eisengießerei Grundstücke, um diese mit eigenen Werksbauten zu bebauen. Daher wollten sie das neu erworbene Objekt entmieten und für die Werkserweiterung abreißen lassen. Sie schlossen zwar im hintersten Gebäude die Badeanstalt und die Verwaltungsräume des Wohnobjekts und richteten eine Kernmacherei ein, aber die Zeit überraschte offenbar die Werksleitung, als 1923 ein neues Mieterschutzgesetz in Kraft trat. In der Hoffnung, dass sich dieses Problem von selbst lösen könnte, überließen sie das Areal schließlich ihrem Schicksal. Schließlich gaben sie auf, wechselten selbst ihren Standort und verkauften die Immobilie an die "Union Baugesellschaft" weiter. Dieser nun hofft auf einen spekulativen Gewinn, weil er vermutete, dass ein Straßenneubau den Abriss der Mietskaserne bedeutete. Als dies nicht klappte und die Baugesellschaft wegen der Weltwirtschaftskrise selbst in finanzielle Schwierigkeiten kam veräußerte sie die Mietskaserne an die "Norddeutsche Immobilien AG" für nicht einmal ein Drittel des ursprünglich erwarteten Preises. Der Weiterverkauf an den Kaufmann Dr. Alexander Turmarkin machte aus Meyer`s Hof zur verrufensten Mietskasernenadresse Berlins. Viele Eigentümer wechselten, weil sie auf einen spekulativen Gewinn hofften. Diese waren so geldgierig, dass sie die Gebäude von Meyer`s Hof in der Folgezeit derart mit Menschen voll stopften nur um an ihnen zu verdienen.

Die Weltwirtschaftskrise brachte viele der Mieter an die Grenzen ihrer Existenz und so schlossen sich die Bewohner von Meyer`s Hof Anfang der 30er Jahre dem Berliner Mieterstreik an. Meyer`s Hof entwickelte sich zu einem sozialen Brennpunkt in dem nun schon "Roten Wedding", was die Nationalsozialisten erkannten und mit Fördermaßnahmen zu entschärfen suchten. Von den Häusern standen zum Ende des 2. Weltkrieges nur noch das Vorderhaus und ein Quergebäude. Mitte der sechziger Jahre kam es in den Besitz der Alexandra Stiftung, die es dann nach und nach entmietete. Mit der Sprengung am 17. Oktober 1972 schloss sich letztendlich in der Ackerstraße 132/133 das Kapitel von schonungsloser Profitgier mit Mietskasernen.

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